12. Böttrichsches Haus

Das große Längsdielenhaus auf einem ursprünglich deutlich größeren, bis zum östlichen Rand der Sternstraße reichenden Grundstück entstand zwischen 1558 und 1560. Das 1969 durch die Stadt erworbene, nach einer langjährigen Besitzerfamilie benannte Böttrich‘ sche Haus sollte 1971 zugunsten von Parkplätzen abgebrochen werden. Nach Verhinderung des Abbruchs dauerte es ein Jahrzehnt, bis eine neue Nutzung gefunden und die Renovierung 1980-82 zum nunmehrigen katholischen Neustädter Gemeindezentrum erfolgte. Im Zuge einer Sanierung 2001 wurden unter anderem einige geschädigte Hölzer ausgetauscht. Unter gemeinsamem Dach und einheitlichem, vorkragendem Speicherstock sind mit gleicher Breite und in einheitlicher Gestaltung der Dielenbau auf niedrigem Sandsteinsockel und ein rückwärtiger Saalbau über halbhohem Sockelgeschoss vereinigt.

Der vordere Giebel kragt dreimal vor. Das mit wenigen, z. T. hohen Streben versehene Fachwerk zählt aufgrund seiner Zierschnitzerei zu den prächtigsten in Warburg. Die Füllhölzer zwischen den knaggenlosen Balkenköpfen sind mit Schnürrollen, Perlstäben und Taubändern, mehrere Riegel mit Kehl- Wulst-Bändern versehen. Die durch Winkelhölzer erweiterten Ständerfüße zeigen verschiedene Fächerrosetten, Ranken und florale Motive sowie ein Kopfmedaillon. Auffällig sind die beiden Paare an den Ständern der Nordwestecke, die jeweils aus Mann in Landsknechtstracht und ihm den Kelch reichender Frau bestehen. Auf kleinen Säulenpostamenten beziehungsweise Voluten ansetzende Taubandstäbe und gedrehte Perlenschnüre umfassen das Dielentor; der Torbalken wurde rekonstruiert. Die Farbgebung der Dekoration erfolgte frei nach stilistisch vergleichbaren Bauten vorwiegend des südlichen Weserraums. An der östlichen Traufseite und an der mit einem Treppenhausanbau der 1980er Jahre ergänzten Südseite erscheint rein konstruktives Fachwerk.

Die bei der Restaurierung auf einen vermuteten Ursprungszustand zurückgeführte Innenraumdisposition hat im Hinterhaus über dem tonnengewölbten Keller einen Saal; im Vorderhaus ist die mit niedrigen Luchten erweiterte Diele von Raumachsen flankiert. Vom Keller führt ein gemauerter Treppenaufgang in die östliche Lucht, daneben in der Dielenecke eine Spindeltreppe bis ins Speichergeschoss, wo sie in einer geschlossenen Trommel endet. Die rekonstruierte Spindeltreppe, die über eine Brüstung durch eine rundbogige Tür mit profiliertem Holzrahmen den Saal im Hinterhaus mit Vor GDK als öffentlich markierte Objekte Denkmaltopographie Warburg erschließt, dürfte im 19. Jahrhundert als Ersatz für einen ähnlichen Vorgänger geschaffen worden sein. Ebenfalls rekonstruiert wurde der wohl erst um 1600 entstandene Kamin.

Besonders im Speichergeschoss, in dem ein großer und ein kleiner Saal sowie weitere Nebenräume eingerichtet wurden, sind die zur statischen Sicherung eingezogenen Betonträger  vor den Außenwänden sowie Stahlträger erkennbar. Auf der ersten Dachebene erstrecken sich drei stehende Stühle, darüber eine Spitzsäulenkonstruktion mit drei großen, z. T. nur mehr in Resten erhaltenen Andreaskreuzen im Längsverband. Im Zwischenraum zwischen den beiden nördlichen Kreuzen über der Diele war die Aufzugsvorrichtung untergebracht. Als Hauptbau einer ehemaligen großen Hausstätte entstand für Besitzer, die damals zu den wohlhabenden Familien gehört haben dürften, ein prächtig verzierter Fachwerkbau, der zugleich ein anschauliches Beispiel für die im 16. Jahrhundert zunehmende Vereinheitlichung von vorderen Dielen- und hinteren Saalbau darstellt.

BSW – KASPAR 1986, Seite 236; NOLTE 1986B, Seite 167f.; BAUDENKMÄLER ohne Jahr, Seite 236; DEHIO 2011, Seite 1124f.; DUBBI 2012, Seite 40 folgende Quelle: Stadt Warburg.

Hrsg. v. Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Hansestadt Warburg. Petersberg 2015 (Denkmäler in Westfalen, Kreis Höxter, Band 1.1.
Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland).