14. Rathaus zwischen den Städten
Rathaus zwischen den Städten, in steiler Hanglage auf der Grenze zwischen den beiden Stadtteilen errichteter Bruchsteinbau der Renaissance mit Durchgangshalle, bezeichnet 1568, Umbau und Aufstockung 1901-03 durch den Kölner Architekten Eduard Endler. In der Vereinigungsurkunde der Alt- und der Neustadt wurde 1436 der Bau eines Rathauses an einer für beide Teile bequemen Stelle festgelegt. Diese fand sich in Nachbarschaft zum Kloster südlich der Neustädter Mauer neben dem 1436 nun ganztägig für den Verkehr zwischen den Städten geöffneten Liebfrauentor.
Vermutlich gab es als neues Rathaus zunächst einen Fachwerkbau, der wohl wegen Baufälligkeit bis 1568 durch das anfangs über hohem Untergeschoss eingeschossige Gebäude aus Bruchstein mit Fachwerkgiebeln unter Halbwalmdach ersetzt wurde. Nach 1803 verlor das Rathaus in preußischer Zeit seine ursprüngliche Nutzung und diente ab 1822 als Mädchenschule, ab 1863 als Garnisonsunterkunft, 1870/71 als Lazarett und 1872-94 als Knabenschule. Um es wieder in seiner eigentlichen Funktion zu nutzen, erfolgten im frühen 20. Jahrhundert einschneidende Umbauten im Inneren und die Aufstockung mit einem Fachwerkgeschoss. 1969 und 1978 kam es zu Restaurierungen des Fachwerkgeschosses und darüberliegender Bereiche. 1983 wurden die größten Teile der Stadtverwaltung in das Behördenhaus an der Bahnhofsstraße verlegt. Aufgrund der Hanglage sind die in Bruchstein ausgeführten Außenmauern nur an der Nordseite eingeschossig, an den anderen Seiten zweigeschossig. Das Untergeschoss wird in der südlichen Hälfte vollständig von der Durchgangshalle ausgefüllt und enthält hinter einer leicht schräg verlaufenden Trennmauer in der Nordhälfte die Kellerräume, die nach Osten im Bereich der ehemaligen Arresträume zwei Ebenen umfassen.
Die Öffnungen zur Halle haben unterschiedliche Breiten und Gestaltungen: an der Westseite das breiteste Tor mit segmentbogigem Abschluss und Schlussstein mit Blattmaske; an der Ostseite zum Brüderkirchhof ein schmales segmentbogiges Portal mit Beschlagwerk an den Pfeilern sowie Wappen, Inschrift und Datierung ANNO DOMINI M CCCCC LXVIII im Giebeldreieck; an der Südseite zwei etwas breitere, leicht spitzbogige Öffnungen mit Treppe in der östlichen und Löwenkopf beziehungsweise Fabelwesen in den Schlusssteinen sowie westlich eine höherliegende rundbogige Öffnung; eine vierte, in Resten erkennbare schmale, rundbogige Vor GDK als öffentlich markierte Objekte Denkmaltopographie Warburg Öffnung befand sich östlich. Über dem mit einer einläufigen Treppe erschlossenen Portal an der Westseite finden sich Inschrift und Datierung ANNO DO[MI]NI M CCCCC LXVIII sowie Wappen mit der Warburger Lilie und dem Paderborner Kreuz. Dieses wurde ebenso wie das über der östlichen Durchgangsöffnung 1802 durch preußische Truppen als Manifestierung des Herrschaftswechsels herausgemeißelt.
Die einfachen, paarigen Rechteckfenster haben Sandsteingewände in Renaissanceformen mit gekreuzten Stäben, schmalen Pilastern und Masken. Auf dem profilierten Abschlussgesims sitzt das historistische Fachwerkgeschoss. Während die Strebenkreuze, die profilierten Kopfwinkelhölzer und die gekehlten Fensterabschlüsse aus anderen Fachwerkregionen stammen, zeigen die Füllhölzer mit gedrehten Schnürrollen zwischen den vorkragenden Balkenköpfen ortstypische Dekorationsmotive. Mehrere der Dekorhölzer des 16. Jahrhunderts vom ursprünglichen Giebelansatz wurden dabei wiederverwendet. Die Giebeltrapeze sind verbrettert, auf dem Halbwalmdach sitzt mittig ein verschieferter Dachreiter. Die Innenraumdisposition wurde bei der Erneuerung verändert, die ursprüngliche Anordnung lässt sich kaum mehr ermitteln. Das Erdgeschoss mit aufwendiger Raumgestaltung des frühen 20. Jahrhunderts und das Obergeschoss haben jeweils Längsflure, nördlich setzt das Treppenhaus an. Den Ostteil des Obergeschosses nimmt der repräsentative Sitzungssaal ein. Der größte Teil des Raumes ist mit einer dreiseitig gebrochenen, bemalten Holzdecke, an deren Rändern Auszüge aus der Stadtvereinigungsurkunde von 1436, des „groten Breff“ wiedergegeben sind, versehen. Südlich schließt sich hinter zwei verzierten Holzpfeilern eine Flachdecke an. In der Nordwand gibt es ein zweiteiliges Farbfenster von 1906 mit Darstellung eines Landsknechts und eines Bauern.
Hauptschmuck ist das die gesamte Westwand einnehmende, 1909 auf Leinwand gemalte Stadtpanorama von Josef Kohlschein d. J. Ohne Bezug zu einer konkreten Zeitepoche bietet es eine Verknüpfung der mittelalterlichidealisierten Stadtansicht mit späteren Veränderungen – so ist das Rathaus in seiner heutigen Größe zu sehen, während am Burgberg noch die im frühen 19. Jahrhundert abgebrochene Burgruine gezeigt wird. Das im Stadtbild fernwirksame Rathaus dokumentiert mit seiner Stellung „zwischen den Städten“ anschaulich die durch die Vereinigung beider Städte geprägte Geschichte Warburgs. Dieser stadthistorischen Bedeutung entspricht die aus zwei Bauepochen resultierende repräsentative Erscheinung des Gebäudes.
HAGEMANN 1904, Seite 113-118; BKW WARBURG 1939, Seite 461-464; NOLTE 1985A; KASPAR 1986, Seite 227; NOLTE 1986B, Seite 169-172; BAUDENKMÄLER ohne Jahr, Seite 131; BORHAU-KARSTEN 1997; ARCHÄOLOGISCHE BESTANDSERHEBUNG 1998, Seite 78f.; DEHIO 2011, Seite 1122; DUBBI 2012, Seite 14 folgende
Quelle: Stadt Warburg. Hrsg. v. Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Hansestadt
Warburg. Petersberg 2015 (Denkmäler in Westfalen, Kreis Höxter, Band 1.1.
Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland).