16. Jüdischer Friedhof
Der jüdische Friedhof wurde um 1820 südwestlich des Sacktors außerhalb der Stadtmauer am Burggraben angelegt. Er löste den 1687 begründeten jüdischen Friedhof ab, der im Zwingerbereich am nordöstlichen Teil der Neustädter Stadtmauer lag. Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden die meisten Grabsteine umgestürzt und viele dabei sehr stark beschädigt. Aus zerstörten Grabsteinen entstand im September 1945 ein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer der Jahre 1933-45, laut Inschrifttafel stammten die Entwürfe dazu von Edmund Balsam aus Krakau; Ausführung Heinrich Wiegand aus Warburg. Zugleich begannen die Wiederaufstellung und die Reparatur beschädigter Steine; viele mussten jedoch durch neue, nur mit den Namen der Verstorbenen und dem Davidstern versehene Steine aus Zechit-Hartstein ersetzt werden. 1994/95 wurde an der Eingangsmauer eine Erinnerungstafel mit den Namen der aus dem Warburger Stadtgebiet deportierten jüdischen Bürger angebracht.
Die direkt an die Stadtmauer angrenzende Friedhofsparzelle ist im Norden durch die Grundstücke zweier Wohnhäuser etwas verengt. In diesem Bereich stehen die Grabsteine etwas lockerer verteilt in je zwei Reihen beiderseits des Haupterschließungsweges. Dieser Weg wird im breiteren, baumbestandenen Südteil durch weitere Wege ergänzt, woraus eine stärker blockweise Gruppierung der Steine resultiert. Die ältesten Grabsteine, von denen einige noch ausschließlich mit hebräischen Inschriften versehenen sind, finden sich vorwiegend im Nordteil nahe beim Eingang. Ab den 1840er Jahren werden hebräische zunehmend durch deutsche Inschriften ergänzt und ab der zweiten Jahrhunderthälfte gar durch diese ersetzt. Bei den älteren unter den nur deutsch beschrifteten Steinen findet sich teilweise noch die Angabe der Lebensdaten beziehungsweise des Sterbejahres in jüdischer Zählweise. So stehen beispielsweise im Übergangsbereich zwischen Nord- und Südteil die beiden Steine der jeweils 5632 verstorbenen Samuel Mosheim und Abraham Heymann neben dem zeitgleichen Stein für den 1872 verstorbenen Mannes Kohn. Die Grabmale des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zeigen meist einen Aufbau von Inschriftstein mit Postament und Aufsatz, der in unterschiedlichen Ausformungen als Dreiecks-, als Rundgiebel, als gerade Platte mit oder ohne akroterienartiger Verzierung auftreten kann. Einfachere Inschriftsteine ohne separat ausgebildeten Aufsatz enden häufig in einem leicht eingezogenen Segmentbogen. Auch finden sich einige pfeiler- oder obeliskartige Stelen, teilweise mit bekrönenden Aufsätzen beispielsweise in Kugel- oder Vasenform.
Ab dem frühen 20. Jahrhundert treten ergänzend einige größere und aufwendigere Familiengrabstätten sowie Doppelsteine für Ehepaare hinzu. Insgesamt unterscheiden sich die Grabsteine in ihrer Gesamtform und bei den dekorativen Details nur wenig von zeitgleichen christlichen Grabmalen, was auf den stilistisch meist vom Historismus geprägten Zeitgeschmack und die vermutlich gleichen ausführenden Werkstätten zurückzuführen ist. Unter den wenigen bildlichen Motiven herrscht der Davidstern vor, nur selten finden sich die markanten jüdischen Bildmotive für Grabsteine wie die segnenden Hände oder das Schofarhorn. Der jüdische Friedhof mit seinen knapp 300 Steinen gehört zu den bedeutenden Beispielen in Westfalen. Trotz der Verwüstungen in nationalsozialistischer Zeit hat sich eine große Anzahl historischer Grabmale erhalten, die eine nachhaltige Erinnerung an die jahrhundertelange Teilhabe jüdischer Familien in der Geschichte Warburgs bieten.
BIALAS 1992; BAUDENKMÄLER ohne Jahr, Seite 255; ARCHÄOLOGISCHE BESTANDSERHEBUNG 1998, Seite 73-75; PRACHT 1998, Seite 226; DEHIO 2011, Seite 1125; ERINNERUNGEN 2011; DUBBI 2012, Seite 44 folgende
Quelle: Stadt Warburg. Hrsg. v. Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Hansestadt Warburg. Petersberg 2015 (Denkmäler in Westfalen, Kreis Höxter, Band 1.1. Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland).