19. Erasmuskapelle und Krypta

Die katholische Burgkapelle St. Erasmus, vormalig St. Andreas, wurde 1679-81 als hoher Bruchsteinbau mit Halbrundschluss und Walmdach über einer romanischen Krypta aus dem 12. Jahrhundert errichtet. Anhand der 1964/65 ergrabenen Fundamente konnte für die älteste Burgpfarrkirche aus der Zeit um 1100 eine insgesamt etwa 47,5 x 27 m große Basilika mit Querhaus, bis zur Vierung reichender Krypta unter dem Chor und eingezogenem Westturm festgestellt werden. Dieser erste nachweisbare Bau lässt sich aber nicht mit der in der Vita Haimeradi für das Jahr 1017 oder 1018 genannten Kapelle, der Eigenkirche des Grafen Dodiko auf dem Burgberg, in Verbindung bringen. Wohl in der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde die Krypta mit dem Hochchor darüber nach Osten erweitert und die Zugangssituation zur Krypta von zwei Seiteneingängen zu einem westlichen, in die Chortreppen integrierten Abgang abgeändert. Nach einer vermutlich durch Kampfhandlungen im Streit zwischen dem Paderborner Bischof und den Städten Warburg verursachten Brandschädigung erfolgte zwischen 1321 und 1361 ein Wiederaufbau, bei dem man einen neuen Turm aus Großquadern errichtete und die Seitenschiffe abbrach.

1415 wurde ein neuer Erasmusaltar gestiftet, in den nachfolgenden Jahrzehnten verlor die Kirche jedoch zunehmend an Bedeutung und wurde vor 1585 profaniert. Im Dreißigjährigen Krieg kam es wahrscheinlich 1622, sicherlich aber vor 1644 zur Zerstörung der Andreaskirche. Nachdem in der erhalten gebliebenen Krypta, der sogenannten Kluft, unter Bezug auf den Heiligen Erasmus vermeintliche Wunderheilungen erfolgten und die Verehrung des zu den Vierzehn Nothelfern zählenden Heiligen von den Jesuiten forciert wurde, entstand ab 1679 auf Geheiß des Paderborner Fürstbischofs Ferdinand von Fürstenberg oberhalb der Krypta der Kapellenbau in dem damals noch von Bauresten der Burg bestandenem Areal. In der Krypta wurden die Gewölbe erneuert und die Fenster größtenteils verändert. Der um 1700 möglicherweise durch Heinrich Papen aus Giershagen für die Krypta gefertigte Erasmusaltar kam 1953 in die Altstädter Kirche (> Josef-Kohlschein-Straße 8). 1858 erfolgte die Ausmalung der Krypta nach Entwürfen des Kasseler Hochschullehrers Georg Gottlob Ungewitter, für die Finanzierung sorgte Victorine Charvin, die auch den > Kreuzweg gestiftet hatte. Dessen XIV. Station war ursprünglich hieraufgestellt, was vermutlich der Auslöser dieser  Erneuerungsmaßnahme war.

Die Krypta wurde 1872 und zusammen mit der Oberkapelle 1893 erneut ausgemalt; die historistischen Raumfassungen wurden im 20. Jahrhundert wieder übermalt. 1966/67 und 2008 erfolgten
Sanierungsmaßnahmen. Im Mauerverband der barockzeitlich wohl verputzten Außenwände lässt sich an den Längsseiten und am leicht einspringenden Chorschluss die jüngere Aufmauerung über der etwas regelmäßiger gemauerten Krypta ablesen. Diese wird durch Rundbogenfenster (nur im Norden bauzeitlich) und ein Vierpassfenster im Scheitel, je unmittelbar über dem Sockel belichtet. Die Eingangsseite wurde im 17. Jahrhundert neu gestaltet, wodurch unter der doppelläufigen Freitreppe ein Vorraum zur Krypta entstand. Hohe Pilaster mit verkröpftem Gesimsband und niedrige Wandstreifen unter dem profilierten Traufgesims gliedern das Hauptgeschoss. Zwischen Rechteckfenstern mit geohrten Sandsteingewänden erscheint das halbrunde, von ionischen Säulen gerahmte Portal. Über em verkröpften Architrav erhebt sich ein prächtiger Wappenstein mit zugehöriger Inschriftkartusche, bezeichnet D O M S / FERDINANDVS DEI GRATIA EPISCOPVS / PADERBOR ET MONASTER S R I PRINCEPS / BVRGRAVIVS STROMB. COMES PYRMON. DNVS IN BORKELOH SACELLVM S ERASMI EPISCOPI ET M. / COLLAPSVM EX VOTO INSTAVRAVIT / ANNO M DC LXXXI, womit auf den Auftraggeber und Fertigstellung 1681 verwiesen wird. Das zweiflügelige, mit stehenden Quadratformen aufgedoppelte Türblatt und sternförmig gestaltendem Halbrundfeld dürfte noch bauzeitlich sein. Die seitlichen Rundbogenfenster besitzen einfaches, gotisierendes Maßwerk. Im First reiter mit Zwiebelhaube hängt eine Glocke von 1695.

Die dreischiffige Krypta erstreckt sich über sechs Joche, wobei die heutige Säulenstellung nicht mit dem ergrabenen, etwas kürzeren Fundamentrost übereinstimmt. Vermutlich hat man in einer zweiten Bauphase zusammen mit der Chorschlusserweiterung die Säulenstellung auf eine ausgewogene Positionierung abgeändert. Die drei westlichen Säulenpaare und alle Wandsäulen haben attische Basen mit Eckspornen, glatte, monolithische oder zweiteilige Schäfte (Wandsäulen) sowie einfache Würfelkapitelle mit Schilden. Hingegen weist das östliche Freisäulenpaar Kapitelle mit
Doppelschilden und z. T. Stegen auf. Das vorletzte, ebenfalls jüngere Paar besitzt viersäulige Schäfte und entsprechend unterteilte Würfelkapitelle. Die zwischen Gurt- und Schildbögen gespannten Kreuzgewölbe aus Backsteinen mit aufgeputzten Graten sind barocke Erneuerungen. Der Blockaltar wurde 1968 konsekriert. Die schlichte Oberkapelle ist zweijochig und hat ein Kreuzgewölbe mit Putzgraten über profilierten Wandkonsolen. Der hochbarocke Altar ist laut Inschrift EX PIIS FIDCLIVM [!] OBLATIS ANNO 1704 aus dem Kreis der Gläubigen heraus gestiftet, was als Hinweis auf  die ertragreich installierte Erasmuswallfahrt verstanden werden kann. Über Sockel und Predella erhebt sich das Retabel mit Säulenädikula und Aufsatz samt zweifach gesprengten Giebeln. Von Weinranken umrankte gewundene Säulen rahmen das jüngere Altarblatt mit einer Kreuzigungsszene. Dem dunkelbraun gefassten architektonischen Aufbau sind goldene und hellgraue Dekorelemente, darunter Puttenköpfe, Blattgehänge und Akanthusranken, aufgesetzt. Die meisten Figuren sind wie die Heiliggeisttaube nachträgliche Ergänzungen. Zur Barockausstattung gehören  die Gestühlswangen und die beiden, um 1700 durch Heinrich Papen gefertigten Figuren des Heiligen Erasmus und eines Heiligen Bischofs.

Die farbigen Fenstergläser mit Bild- und Inschriftkartuschen in einem Rapport vegetabiler Muster stammen wohl aus dem späten 19. Jahrhundert In ihrem Baubestand ist die Krypta das älteste Baudenkmal der Stadt Warburg. Dieser romanische Baukörper wurde nach der Zerstörung der zugehörigen Kirche bedingt durch eine florierende Erasmuswallfahrt im späten 17. Jahrhundert mit einer hochbarocken Kapelle überbaut und zeugt sowohl von der Erasmuswallfahrt als auch von ihrer neuen Bestimmung als Friedhofskapelle im frühen 19. Jahrhundert

BKW WARBURG 1939, Seite 446-449; ENGEMANN 1972; HONSELMANN 1972; THÜMMLER 1972; SCHMITZ 1977, Seite 57-60; FREUND 1986A, Seite 93- 95, 123; BAUDENKMÄLER ohne Jahr, Seite 128; ARCHÄOLOGISCHE BESTANDSERHEBUNG 1998, Seite 39-42, 167-174; DUBBI 1998B; DUBBI 2006A, Seite 25- 29, 41-53; DEHIO 2011, Seite 1120.

Quelle: Stadt Warburg. Hrsg. v. Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Hansestadt Warburg. Petersberg 2015 (Denkmäler in Westfalen, Kreis Höxter, Band 1.1. Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland).