21. Altstadtkirche

Die Altstädter Pfarrkirche Mariä Heimsuchung (Ad visiationem beatae Mariae virginis) entstand im späten 13. Jahrhundert als zweijochige, gotische Hallenkirche mit halb eingebundenem,  fünfgeschossigem Westturm und kurzem Chor mit 5/8-Schluss aus Bruchstein. Anlass für den Bau waren die Streitigkeiten zwischen der Altstädter Gemeinde und dem Paderborner Bischof Otto von Rietberg, da dieser die vormalige Altstädter Kirche St. Maria in vinea, heutige evangelische Kirche, der 1281 gegründeten Dominikanerniederlassung übergeben hatte (> Brüderkirchhof 3, 7). Die Altstädter sollten die Neustädter Kirche (> Kirchplatz 1) mitbenutzen, wogegen sie sich 1286 mit einem Aufstand wehrten. 1287 wurde ihnen in einem Kompromiss der Kirchenneubau zugestanden. Dieser entstand leicht erhöht über der inzwischen in der Ebene planmäßig gewachsenen Altstadt, wofür der Bischof ein vom neuen Marktplatz etwas abseits gelegenes, für den Bau aufgrund der Hanglage jedoch schwieriges Grundstück 1290 verkaufte. Der 1297 fertiggestellte Bau wurde 1299 geweiht. Laut Bezeichnung an der Nordseite entstand 1429 der quadratische Sakristeianbau als Stiftung des Paderborner Klerikers Conrad Büssen. Das Mitte des 16. Jahrhunderts an der Turmnordseite errichtete Beinhaus für den damals noch um die Kirche angeordneten Friedhof wurde im 2. Viertel des 19. Jahrhunderts mit der darüberliegenden Antoniuskapelle wieder abgebrochen. Laut Datierung am nordwestlichen Eckstrebepfeiler erfolgten 1784 Erneuerungsarbeiten. 1815 sorgte man östlich des Südportals für eine neue, dreibahnige Fensteröffnung. 1833 stürzten die Gewölbe im Mittelschiff und im oder am Turm ein. Im Zuge der 1836-38 durchgeführten Wiederherstellung wurden die Außenwände etwas erhöht, die Strebepfeiler verstärkt und in den Seitenschiffen zwischen den Pfeilern und den Außenwänden Druckbalken eingebaut;
zugleich auch das Chorgewölbe erneuert, vermutlich stammt das aus wiederverwendeten Hölzern mit stehenden Stuhlreihen aufgerichtete Dachwerk ebenfalls aus dieser Zeit. 1863-66 erfolgte eine Innenrestaurierung mit Ausmalung. 1899/1900 erhielt der Turm nach Entwurf von Franz Mündelein anstelle eines Walmdachs ein weiteres Geschoss mit Umgang und Spitzhelm aufgesetzt. 1901 wurde die Sakristei für die Umnutzung als Kapelle ausgemalt, 1902 kam es zu Restaurierungen am Mauerwerk sowie zur Erneuerung der Chorfialen an der Südseite und der Farbfenster. Im Zuge dieser Maßnahmen wurden das Dach und der Fachwerkostgiebel am Langhaus mit Schiefer versehen. 1947 entstand an der Südseite ein Sakristeineubau. Inschriftlich im Westfenster des Nordschiffs vermerkt sind die Sanierungen 1974/75, unter anderem mit Sicherung der Gewölbe durch Einbau eines Ringankers, Absenkung des Fußbodenniveaus, Freilegung und Wiederherstellung der ursprünglichen Raumfassung nach Befund, und die Auffrischungsmaßnahme von 1999 sowie 2000 der Orgelneubau auf der Turmempore.

Langhaus, Chor und Kapelle haben an Mauerkanten und Jochgrenzen getreppte Strebepfeiler, über denen jüngere schmale, pilasterartige Wandvorlagen mit Kapitell bis zum Traufgesims führen. Aufgrund des aufgeschütteten, nachgiebigen Baugrundes sind die südseitigen Strebepfeiler nachträglich deutlich kräftiger ausgeführt und westlich durch einen Zwischenpfeiler ergänzt worden. Am südwestlichen Strebepfeiler der sogenannte Pardanstein, der als ältester Warburger Inschriftstein 1947 vom südlichen Chorfenster hierher versetzt wurde (heute Kopie, Original im Museum im Stern). Die Inschrift JOHAN PARDAN / [M]E C[OM]P[ARA]VIT ST MARI[A]E / I V verweist auf einen im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts nachweisbaren Altstädter Bürger, wobei unklar ist, ob sich die angesprochene Erwerbung beziehungsweise Herstellung auf diese Marienkirche zur Heimsuchung (in visitationem) oder die im Weinberg (in vinea) bezieht. Die Chorpfeiler haben als Abschluss markante turmartige Fialen mit Blendmaßwerk, für die es als Vergleichsbeispiele in Nordhessen unter anderem St. Kilian in Korbach oder die Wallfahrtskirche in Gottsbüren gibt. Am Chor und Langhaus sind die bauzeitlichen Fenster zweibahnig, das am Chorscheitel dreibahnig. Ihr Maßwerk zeigt am Chor eine rundstabige Form mit gestapelten Dreipässen als Abschluss, am Langhaus ist es von Vierpässen geprägt, am Turm gekehlt. Das große fünfbahnige Fenster in der Turmwestwand mit Rose im Abschluss zeigt stilistische Nähe zu St. Nikolai in Obermarsberg. Die drei jeweils in Mauervorlagen platzierten Spitzbogenportale präsentieren sich in gestalterischer Hierarchie: am einfachsten das Nordportal mit gestuftem Gewände; das Westportal mit kräftiger Rundstabgliederung am Gewände, Mittelpfosten und den kleeblattförmigen Durchgängen sowie beim großen, durch ein neuzeitliches Mosaik von Josef Sauerland gefüllten Vierpass im Tympanon; das ebenfalls zweiteilige Tabernakelportal an der Südseite (vergleiche St. Marien in Volkmarsen) vom Spitzgiebel mit Kreuz, wohl nachträglich eingeschlagener Figurennische und seitlichen Fialen überfangen, dazu die Gewände mit Figurennischen und Blattfries. Aus der zentralen Lage des Südportals im Joch resultierte eine Verschiebung des Fensters Richtung Strebepfeiler. Der Turm hat unterschiedlich hohe Geschosse, die Schallöffnungen des ursprünglichen Abschlussgeschosses differieren bei dem von Vierpässen bestimmten Maßwerk. Aufgrund des fast quadratischen Grundrisses ergibt sich mit nur zwei Jochen Länge ein breit gelagertes, dreischiffiges Langhaus. Da die Seitenschiffe schmal sind und der Turm die Hälfte des westlichen Mittelschiffjochs einnimmt, entsteht im östlich daran anschließenden quadratischen Joch ein nahezu zentralisierender Raumeindruck. Der aus schmalem Vorjoch und Polygonalschluss aufgebaute Hauptchor hat die gleiche Breite wie das Mittelschiff, die Seitenschiffe enden in flachen, in die Mauerstärke einbezogenen, dreiseitigen Nischen mit Rippengewölben. An die kräftigen Rundpfeiler im Langhaus angesetzte Rundvorlagen dienen
den gefasten Gurt- und Scheidbögen als Auflager, kurze Dienstkonsolen den gekehlten Rippen der Kreuzgewölbe; die Kapitellbänder mit Blattreihen ähnlich der evangelischen Kirche (>
Brüderkirchhof 3). An den Wänden finden sich mittig gestalterisch entsprechende, halbzylindrische Pfeilerstücke, die durch ihre hoch ansetzende Abkragung sehr gedrungen wirken; in den Ecken viertelrunde Dienstkonsolen. Im Chor setzen die Dienste zwischen dem schmalen Vorjoch und dem Polygonalschluss auf tragenden Konsolfiguren an. Die Kreuzrippengewölbe zeigen in allen Raumteilen figürliche Schlusssteine, die mit Ausnahme des als Büste darstellten Christkönig im westlichen Mittelschiffsjoch als tellerförmige Reliefs gestaltet wurden. Da der Turm mit halber Breite in das Mittelschiff ragt, öffnet sich sein Erdgeschoss zu den Seitenschiffen in je einem Spitzbogen und nach Osten mit zwei Bögen. Dieser untere Turmraum hat einen Mittelpfeiler, über dem gekehlte Gurte vier Kreuzgratgewölbe trennen. Der kreuzförmige Pfeileraufbau wird durch die Form der Gurte bestimmt. Diese lasten an den Wänden auf Konsolen mit vollplastischen Fabelwesen, die sich ähnlich am Mittelbau des Klosters (> Brüderkirchhof 7) finden. In beiden Turmecken führen Treppenaufgänge ins über Konsolen kreuzrippengewölbte Emporengeschoss, das sich mit
einem breiten Spitzbogen und durchbrochener, wohl aus dem 19. Jahrhundert stammender Brüstung zum Schiff öffnet. Die hellgrüne Quaderung am Stützsystem und den rahmenden Architekturteilen sowie in Resten erkennbare, teilweise rekonstruierte Malereien mit ornamentierten Scheitelbändern in den seitlichen Gewölbefeldern prägen das Farbschema des Raums; in der Kapelle des frühen 20. Jahrhunderts ist die Ausmalung in kräftiger Farbgebung mit Motiven aus der Marianischen Litanei ausgeführt. Die etwa zeitgleichen, Maria als Kirchenpatronin sowie den Heiligen Bonifatius, Liborius, Ludwig und der Heiligen Elisabeth gewidmeten Farbfenster im Chorscheitel stammen aus der Produktion von Hertel & Lersch in Düsseldorf, die seitlichen und das der Südapsis von den Gebr. Ely (bez.) aus Wehlheiden. Als Ersatz für einen 1863 verkauften Barockaltar und weitere zwischenzeitliche Altäre kam 1975 als Zukauf aus Holzwickede ein im frühen 20. Jahrhundert von Anton Rüller aus Sandstein gefertigter, reich mit architektonischen Motiven verzierter neugotischer Hochaltar in den Chor. Die Reliefs verweisen unter anderem durch Darstellungen des letzten Abendmahls und der Speisung der 5000 auf die Eucharistie und unter anderem durch die Opferung Isaaks und das Opfer durch König Melchisedek auf den Opfertod Christi. Im Tabernakel fand ein kleines geschnitztes, gefasstes Kruzifix aus dem 3. Viertel des 14. Jahrhunderts Aufstellung. Der nördliche Seitenaltar dürfte kurz vor 1700 durch Heinrich Papen
geschaffen worden sein. Das marmoriert gefasste, den Mauerschrägen angepasste Holzretabel mit gewundenen Säulen und Sprenggiebel zeigt zwischen den Figuren der Heiligen Erasmus und Nikolaus ein im 19. Jahrhundert aus dem Kloster Hardehausen übernommenes Altarblatt des 18. Jahrhunderts mit Darstellung des Rosenkranzes, ebenfalls nachträglich die bekrönende Figurengruppe der Unterweisung Mariens. Von hoher Qualität der südliche, laut Bezeichnung 1725 durch Johannes Joseph Hoverdt-Plenken gestiftete Kreuzaltar. Das der Raumhülle durch abgeschrägte Randbereiche angepasste Ädikularetabel aus Alabaster und grauschwarzem Marmor mit gewundenen Säulen stammt vermutlich von Christophel Papen und dessen Giershagener Werkstatt. Im Zentrum eine Kreuzigungsszene, deren ausdrucksstarke Schilderung sich auch bei den anderen Figurendarstellungen finden, die zur Kreuzigungsdarstellung beziehungsweise zur Familie Jesu gehören, aber auch das Schutzmotiv betonen. Im Westteil des Südschiffs steht der Heinrich Papen zugeschriebene Erasmusaltar, der 1998/99 aus der Friedhofskapelle (> An der Burg) hierher kam. Auch dieses etwas kleinere, 1700 datierte Ädikularetabel aus Alabaster und blau-weiß gefasstem Sandstein mit zentraler Darstellung des Martyriums hat gewundene Säulen und einenSprenggiebel. Im gemauerten Sockel ist aus unbekanntem Zusammenhang ein Schlussstein mit dem Verkündigungsengel eingesetzt.

Die steinerne, farbig gefasste Sakramentsnische in der Chornordwand entstand Mitte des 15. Jahrhunderts in spätgotischen Formen, mit eucharistischen Bezug der Schmerzensmann, die Arma Christi und der möglicherweise spätere hölzerne Pelikan im Wimperg. In der vergitterten Nische das um 1500 entstandene, teilweise vergoldete sogenannte Altstädter Silberkreuz. Es gilt als Vorbild für spätere Arbeiten des Warburger Goldschmieds Anton Eisenhoit. Seitlich davon auf Löwen- und Adlerkonsole  die Figuren von Maria und Johannes aus dem 19. Jahrhundert Im Westteil des Mittelschiffs das Taufbecken von 1620 (datiert) aus Sandstein in Formen der Spätrenaissance, am sechseckigen, durch Pilaster gegliederten Kelch farbig gefasste Reliefs der vier Evangelisten, Taufe Christi und Himmelfahrt Mariens. Verteilt über den Kirchenraum und die Nordostkapelle finden sich mehrere Bildwerke: darunter unter anderem im Chor die Figuren der Heilige Kilian und Sebastian aus dem 1. Viertel des 16. Jahrhunderts, seitlich des Chorbogens der Heilige Josef mit Kind und die Immaculata im Strahlenkranz, 17. Jahrhundert. Im Nordschiff eine aus der Friedhofskapelle stammende, um 1400 aus Eiche geschnitzte Pietà und ein Bernd Kastrop zugeschriebenes Holzrelief der Heiligen Sippe aus der Zeit um 1500 mit Fassung des 20. Jahrhunderts. Im Mittelschiff an der Turmempore die Figur des Gekreuzigten, ursprünglich im frühen 16. Jahrhundert für den Brüderkirchhof geschaffen, später als Bestandteil der Kreuzigungsgruppe > An der Burg auf den Burgfriedhof versetzt, von dort 1984 in die Kirche transferiert. Aufgrund des guten Erhaltungszustandes gibt es Vermutungen, dass es sich bei diesem Werk um eine werkgetreue Kopie aus dem frühen 19. Jahrhundert handelt. Seitlich davon eine Heilige Apollonia, um 1700, vermutlich von Heinrich Papen und eine Heilige Barbara, diese trotz stilistischer Ähnlichkeit zur Apollonia möglicherweise erst im frühen 19. Jahrhundert entstanden.

In der Turmhalle eine Maria Immaculata aus dem 17. Jahrhundert, ein Heiliger Johann Nepomuk aus dem 18. Jahrhundert und ein Rosenkranzbild in Öl auf Leinwand des mittleren 17. Jahrhunderts sowie auf der Empore darüber die um 1530 entstandenen gefassten Holzrelieftafeln der Heiligen Katharina und Barbara. Im südlichen Seitenschiff am Pfeiler über älterer Steinkonsole mit Kopfdarstellung die Holzfigur einer Anna Selbdritt aus dem späten 15. Jahrhundert, die aus dem 1838 abgetragenen Neuen Tor stammt. In der Südwand eingemauert ein Kreuzigungsrelief und zwei Inschriftsteine als Reste des ehemaligen umfassenderen Epitaphs der Eheleute Schlicker († 1676, 1678), das ursprünglich in einer eigenen Kapelle bei den Treppenstufen südlich der Kirche seinen Platz  hatte. Diese sogenannte Schlicker’sche Kapelle war 1844 abgebrochen worden, nachfolgende Versetzungen des Epitaphs führten zu Substanzverlusten. Über die Kirchenschiffe verteilt 14 großformatige Kreuzwegstationen, 1918/19 gemalt von Heinrich Repke. Die in der alten Sakristei untergebrachte Kapelle dient zugleich als Schatzkammer. Erwähnenswert unter den hier verwahrten Bildwerken, Vasa sacra und Textilien sind zwei kleinere Figuren – ein Heiliger Jakobus d. Ä. und eine Madonna von etwa 1420/30 aus Baumberger Sandstein in  neugotischer Fassung (für die Madonna gibt es ein bedeutendes Vergleichsbeispiel in St. Vitus zu Brilon-Bontkirchen) – sowie eine Madonna auf der Mondsichel als Halbfigur des 16. Jahrhunderts und ein reich bestickter Chormantel von 1493. Die Altstädter Kirche ist aufgrund ihrer spezifischen Entstehungsgeschichte die jüngste der drei Kirchen in der Kernstadt und hat daher im Gefüge der Altstadt stadttopographisch auch eine eher dezentrale Lage. Mit ihrem gedrungenen Grundriss und in der Gestaltung des Stützensystems gibt es Übereinstimmungen mit den Kirchen in Obermarsberg und Volkmarsen, bei weiteren Detailformen darüber hinaus auch zu anderen Kirchen vorwiegend des nordhessischen Raumes. Von erheblicher Bedeutung ist zudem die reiche Ausstattung.

HAGEMANN 1904, Seite 15-40; BKW WARBURG 1939, Seite 397-412; STIEGEMANN 1977; FREUND 1986A, Seite 107-113, 124-126; DUBBI 1994; BAUDENKMÄLER ohne Jahr, Seite 126; ARCHÄOLOGISCHE BESTANDSERHEBUNG 1998, Seite 62-64; UNSERER LIEBEN FRAWEN KIRCHEN 1999; BIALAS / KUCHENBUCH 2005; DEHIO 2011, Seite 1118-1120; DUBBI 2012, Seite 54f.; HEUTER 2012, Seite 102 folgende

Quelle: Stadt Warburg. Hrsg. v. Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Hansestadt Warburg. Petersberg 2015 (Denkmäler in Westfalen, Kreis Höxter, Band 1.1. Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland).