22. Ehemaliges Rathaus der Altstadt
Das Altstädter Rathaus wurde 1336/37 (Datierung auf dendrochronologischer Basis) als zweigeschossiger Massivbau über hohem Sockelgeschoss errichtet. In der Neustadt stand am nördlichen Rand des dortigen Marktes ein ebenfalls etwa 100 Fuß langes, im ergrabenen Grundriss vergleichbares Rathaus, das im frühen 19. Jahrhundert nach Schädigungen im Siebenjährigen Krieg abgebrochen worden war. Der Zusammenschluss beider Städte 1436 wirkte sich vermutlich auf Nutzungsart und -intensität beider Rathäuser aus, was zu Änderungen des Baubestands geführt haben dürfte. Mitte des 16. Jahrhunderts kam es zu Umbauten im Keller und wohl auch in den darüberliegenden Geschossen. Etwa ab diesem Zeitpunkt war im Keller eine Schankwirtschaft untergebracht, im 17. Jahrhundert diente der Ostteil zusätzlich der Aufbewahrung von Geschützen. 1825 wurde das Rathaus, das sich über einer Grundfläche von etwa 31,5 x 12,25 m erhebt, an eine Privatperson. Unter den weiteren Umbauten in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts der Abbruch der Treppengiebel wohl der eingreifendste. Fortan zeigte das verputzte Gebäude vor allem in der Südansicht mit dem Krüppelwalmdach und den in die mittlere Achse verlegten, über eine zweiläufige, zweiarmige Freitreppe erschlossenen rundbogigen Haupteingang eine insgesamt eher spätbarocke
Erscheinung. Im Zuge einer Restaurierung 1968-72 rekonstruierte man die spätmittelalterliche Außenansicht des Bruchsteinbaus mit kräftigen Eckquadern. Dabei wurden dreistufige Giebel
aufgemauert, die spitzbogigen Portale geöffnet und Freitreppen davor platziert. Zudem Wiederherstellung der Kreuzstockfenster und der Spitzbogenfenster mit einfachem Maßwerk. Es gibt Vermutungen, dass an der Südseite ursprünglich eine Reihe von sieben Spitzbogenöffnungen zur dahinterliegenden Hauptgeschosshalle bestand, die möglicherweise bereits bei Umbaumaßnahmen im 16. Jahrhundert geschlossen wurden.
Die Funktion der hohen, weitgehend vermauerten Rundbogennische im Westen mit vorgelagerten Stufen ist unklar, vielleicht diente sie dem Stadtgericht. In der zunächst völlig geschlossenen Nordmauer führte eine Maueröffnung im Westen zu dem vermutlich in einem turmartigen Anbau untergebrachten Abort; eine Schlitzluke zwischen den anschließenden Fenstern gehörte als Ausguss zu einem in einer spitzbogigen Innennische platzierten Becken. Die ursprüngliche, aufgrund der späteren Veränderungen nur schwer nachvollziehbare Raumdisposition dürfte in beiden Geschossen durch große, vermutlich zweischiffige Hallen bestimmt gewesen sein.
Das Erdgeschoss wird heute gastronomisch genutzt; in den Wohnräumen im Obergeschoss, das über ein Treppenhaus des späten 19. Jahrhunderts erreicht wird, weisen noch eine Eichenholzstütze und ein Stück des Mittelunterzugs auf die einstige Halle hin. Die Form der zum Sattelholz geführten gebogenen Kopfbänder und die Randgestaltung der Fasen mit abgesetzter Kehlung am oberen und eingestellten Pyramiden am unteren Rand deuten stilistisch auf das 16. Jahrhundert hin. Als Teil der Erstbauphase besitzt das in der oberen Dachebene erhaltene Spitzsäulendachwerk als eines der ältesten in einem Profanbau im heutigen Westfalen besondere hauskundliche Bedeutung. Riegel und eine Reihung daran angeblatteter, gekreuzter Diagonalstreben versteifen den Kehlbalkendachstuhl in Längsrichtung. Auf der ersten Dachebene kam es in mehreren Phasen zu Ergänzungen und Veränderungen: an der Nordseite eingestellte stehende Stühle im Westteil und liegende Stühle im Ostteil. Die Stuhlrähme beider Konstruktionseinheiten sind miteinander verbunden. Von den drei übrigen, etwas weiter eingetieften, tonnengewölbten Kellern gehört der westliche zu Ursprungsbau, die anderen dürften nachträglich sein. Darin befinden sich ein Brunnen und eine Türschwelle, datiert 1383, mit Warburger Wappen und Paderborner Kreuz als landesherrlichem Wappen. Seiner ursprünglichen kommunalen Bedeutung entsprechend, verfügt das ehemalige Rathaus über einen im Stadtbild dominanten Baukörper.
Mit der Entstehungszeit vor 1340 und dem aus dieser Zeit erhaltenen Dachwerk nimmt es unter den frühen Profanbauten im heutigen Westfalen eine wichtige Stellung ein, wobei die aktuelle Form jedoch, ähnlich wie bei anderen Rathäusern auch, auf eine unter Maßgabe der Rekonstruktion der spätmittelalterlichen Erscheinung erfolgte Restaurierung zurückgeht.
HAGEMANN 1904, Seite 113-118; BKW WARBURG 1939, Seite 462; MATUSCHEK 1975; NOLTE 1986B, Seite 147f.; ARCHÄOLOGISCHE BESTANDSERHEBUNG 1998, Seite 76f.; NOLTE 1991, Seite 107f.; BAUDENKMÄLER O. J., Seite 265; DEHIO 2011, Seite 1121f.
Quelle: Stadt Warburg. Hrsg. v. Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Hansestadt Warburg. Petersberg 2015 (Denkmäler in Westfalen, Kreis Höxter, Band 1.1. Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland).