29. Eckmänneken

Das Eckhaus zur Klockenstraße besteht aus dem sogenannten Eckmänneken als Hauptgebäude, einem ehemaligen Längsdielenhaus mit Speichergeschoss, dessen Errichtung durch die Bauinschrift ANNO DN M° CCCC° LXXI° FERIA TERCIA MARGARETE HEC DOMUS EST EDIFICATA auf den Festtag der Heiligen Margarete im Jahr des Herrn 1471 datiert ist, und einem 1560 IB bezeichneten zweigeschossigen Rückgebäude. Aufgrund des bei den beiden Inschriften abgebildeten Gebäcks wird das Gebäude als Gildehaus der Bäcker vermutet. 1907 kam es zum Einbau von Wohnräumen im vormaligen Speichergeschoss. Obwohl der Abbruch in den 1960er Jahren bereits genehmigt war, konnte der neue Besitzer diesen 1965/66 durch einen Umbau abwenden. Neben den ohnehin einschneidenden Veränderungen wie der Entkernung des Inneren, der dichten Fenstersetzung, dem Arkadengang und der Neuaufmauerung der südlichen Traufwand verursachte ein Hochwasser 1965 weitere Substanzverluste. Im Erdgeschoss mussten große Teile der Konstruktionshölzer ersetzt werden, wobei man auf Material kurz zuvor abgebrochener Häuser zurückgriff. Zur
Rekonstruktion des damals neu unterkellerten Erdgeschosses beim Vorderhaus wurden die oberen Geschosse und die Dachwerksgebinde abgetragen und wieder aufgesetzt. Für die rückwärtig angelegte Tiefgarage wurde unter dem Rückgebäude östlich eine Abfahrt eingebaut. Am Hauptgebäude geht das Äußere bei den beiden unteren Geschossen mit seinem einfach verriegelten regelmäßigen Fachwerk auf die Umbauphase der 1960er Jahre zurück. Historischen Abbildungen zufolge gab es an der geschossig abgezimmerten Traufwand zwei Streben.

Die Giebelseite wurde vermutlich im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert um die Breite der Vorkragung nach vorne gezogen und stockwerkweise mit fünfachsiger Fenstersetzung sowie Schwelle-Rähm-Streben seitlich der Mittelachse neu aufgezimmert. Das ehemalige Speichergeschoss und der Giebel blieben bei den Umbauten mit Ausnahme der Fensterreihung weniger verändert erhalten. Sie kragen jeweils mit gefasten Schwellbalken über gekehlten Knaggen vor; markante Details sind die mit Holznägeln an den Ständern befestigten gefasten Brustriegel, die Andreaskreuze im Brüstungsgefach des
Speichergeschosses und der Mittelständer im Giebel. Auffällige Dekorelemente bilden die bereits zitierte, durch drei Dreierbrötchen ergänzte Inschrift am Schwellbalken und die beiden  namengebenden, als hockende Männer in spätmittelalterlichem Kurzrock und Beinlingen dargestellten, etwa 60 cm hohen Schnitzfiguren an den Eckknaggen; einer der beiden Eckmänneken streckt die Zunge heraus.

Von der ursprünglichen Innendisposition, die aus hoher Längsdiele und zweigeschossigen Seitenschiffen sowie Speichergeschoss darüber bestand, hat sich nichts erhalten, heute sind hier ein Restaurant und eine Wohnung untergebracht. Die Dachwerkkonstruktion mit mittlerer Stuhlreihe auf beiden Ebenen und zwei seitlichen, stehenden Stuhlreihen auf der ersten Ebene gibt konstruktiv vermutlich den Ursprungszustand wieder, wobei jedoch – wie an den Abbundzeichen ablesbar – die Gebindeabfolge verändert wurde. Bemerkenswertes Konstruktionsdetail sind die
Schulterhölzer, mit denen an den seitlichen Stuhlreihen anstelle von Kopfbändern eine Längsversteifung zwischen Ständern und Rähmen erfolgt. Das Fachwerk am Hinterhaus ist mit langen Fuß- und kurzen Kopfstreben ausgesteift und einfach, lediglich am westlichen Erdgeschoss zweifach verriegelt. An der straßenseitigen Vorkragung finden sich profilierte Füllhölzer und am Schwellholz Taubänder. Die Zierfelder darüber an den durch Winkelhölzer erweiterten Ständerfüßen bieten in halbkreisförmigen Feldern Fächerrosetten und mittig die durch Akanthusranken, eine Brezel, ein Dreierbrötchen und einen Spitzwecken ergänzte Inschrift sowie am Rand kleinere Rundfelder mit Rosen.

Die Toreinfassung mit Inschrift und Datierung 1770 wurde aus Wrexen übernommen und vor der Tiefgaragenabfahrt eingesetzt. Im Erdgeschoss gibt es einen ursprünglich vom Vordergebäude zugänglichen, heute in mehrere Räume unterteilten Saal. Der Mittelständer darin wurde mit kreuzweise gelagerten Unterzügen durch Kopfbänder, von denen drei erhalten blieben, versteift. In dem vermutlich für Speicherzwecke genutzten Obergeschoss und im Dach gibt es weitere Wohnräume. Westlich der Zufahrt in die derzeit für kulturelle Zwecke genutzte Tiefgarage haben sich Reste von zwei parallelen Tonnengewölben des Kellers erhalten. Das ortsbildprägend an der Südwestecke des Altstädter Marktes stehende Eckmänneken gehört trotz der gravierenden Veränderungen der 1960er Jahre aufgrund des im Kern hohen Alters zu den stadthistorisch herausragenden Bauten.

BKW WARBURG 1939, Seite 466; KASPAR 1986, Seite 234; NOLTE 1986B, Seite 162; BAUDENKMÄLER ohne Jahr, Seite 227; DEHIO 2011, Seite 1124.

Quelle: Stadt Warburg. Hrsg. v. Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Hansestadt Warburg. Petersberg 2015 (Denkmäler in Westfalen, Kreis Höxter, Band 1.1. Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland).