30. Arnoldihaus
Das große Längsdielenhaus von 1511-13 (Datierung auf dendrochronologischer Basis) mit Speichergeschoss, hohem Satteldach und etwa zeitgleichem, zweigeschossigem Hinterhaus steht südöstlich des Altstädter Marktes an der Ecke zur Arnoldigasse. Die Bezeichnung ANNO DNJ M°CCCCC XIIJ° JN APRILI / HENRICK SANTMA(N) am Torbogen verweist neben dem Jahr der Fertigstellung auf den aus Korbach stammenden, seit 1500 in der Stadt ansässigen, einflussreichen Kaufmann Heinrich II Santmann. 1921 richtete die katholische Altstädter Pfarrgemeinde im Hinterhaus einen Versammlungsraum ein; der damalige Besitzer, Bäckermeister Friedel, vermachte das Gebäude nach seinem Tod 1936 vollständig der Kirche. Die über die Jahrhunderte erfolgten Veränderungen und Einbauten vor allem im Bereich der Flettdiele wurden bei einer umfassenden Instandsetzung 1969-76 in rekonstruierender Weise auf einen als ursprünglich erachteten Zustand zurückgebaut und zugleich für die Nutzung als Pfarrgemeindehaus angepasst. Dieses erhielt in Erinnerung an einen aus Warburg stammenden, im Dreißigjährigen Krieg getöteten Jesuiten den Namen Arnoldihaus. Schwerwiegende Schädigungen, die auf eine wohl schon recht früh eingetretene südseitige Setzung sowie die nachträglichen Veränderungen und Verformungen zurückgingen, machten
2012-14 eine aufwendige Sanierung am Dachwerk und der Dachbalkenlage notwendig. Obwohl zeitgleich entstanden, unterscheiden sich Vorder- und Hinterhaus in der Geschossanordnung und der Gebäudebreite. Das Vorderhaus hat über unterschiedlich hoch gemauertem Sockel ein hohes Dielengeschoss, an dem die Ständer und Riegel traufseitig mit wandhohen Streben überblattet sind. Das von einer profilierten Rahmung eingefasste Dielentor wurde z. T. wieder hergestellt. Das Speichergeschoss kragt über gekehlten Knaggen auf profilierten Schwellbalken vor.
Von besonderer Bedeutung sind die vermutlich in bauzeitlicher Farb gebung erhaltenen Bemalungen auf den giebelseitigen Füllungsbrettern, die schmuckvoll verschlungene Pflanzenmotive, geometrische Ornamente und, mittig besonders hervorgehoben, das Wappen der Familie Santmann und einer weiteren, nicht bekannten Familie zeigen. Auch weit über Warburg hinaus sind in Nordwestdeutschland kaum vergleichbare Malereien an Fassaden bekannt. In der Brüstungszone füllen Andreaskreuze die Gefache, darüber ist ein profilierter Brustriegel aufgeblattet. An der westlichen Traufseite finden sich einige gerundete Fußbänder, dazu eine Schwelle-Rähm-Strebe; östlich allein zwei SchwelleRähm-Streben. Der aufgrund früherer Setzungsschäden leicht zurückgeneigte Giebel kragt wie das Speichergeschoss über gekehlten Knaggen vor, die sich unter der Traufe fortsetzen. Er zeigt seit der letzten Sanierung eine abgetreppt abgesetzte, senkrechte
Holzverschalung. Historischen Abbildungen zufolge stellt diese die vierte Variante in den letzten rund 130 Jahren dar: Um 1880 war der Dreiecksgiebel noch vollständig waagrecht holzverschalt, vermutlich um 1900 erhielt er einen Krüppelwalm, den man ab 1969 zum insgesamt fachwerksichtigen Giebeldreieck zurückgestaltete. Das Hinterhaus ist ein Saalgebäude auf gemauertem Kellergeschoss, dessen über gekehlten Knaggen vorkragendes Obergeschoss in der Brüstungszone vergleichbar dem vorderen Speichergeschoss gerundete Fußbänder zeigt. Das daran anschließende zweite Rückgebäude stellt eine Anfügung des 18. oder 19. Jahrhunderts dar. Durch die Instandsetzung ab 1969 erhielt das Innere des als Vierständerbau konstruierten Vorderhauses den Charakter eines nahezu idealtypischen spätmittelalterlichen Flettdielenhauses.
Hinter der Toreinfahrt schließt sich die etwa 6 m hohe, nutzungsbedingt jedoch horizontal durch eine Empore geteilte Diele an, deren rückwärtige Flett sich durch Luchten nach Osten in voller Höhe, westlich in halber Höhe ausweitet. Die Restflächen nehmen zweigeschossige Einbauten ein. An der rückwärtigen Dielenstirnwand wurde an nachgewiesener Herdstelle ein Kamin frei rekonstruiert. Daneben führt über eine Steintreppe ein Zugang ins Hinterhaus, die seitlich anschließende Treppe zum Zwischen- und Speichergeschoss wurde bei der Instandsetzung zugunsten der Küche aufgegeben. Die beiden am östlichen Einbau nebeneinander gesetzten, leicht spitzbogigen Türöffnungen mit profilierten Einfassungen stammen vermutlich von anderen Stellen im Gebäude. Ein modernes, massiv ausgeführtes Treppenhaus daneben führt ins nachträglich in mehrere Räume unterteilte Speichergeschoss; im Südteil liegen die beiden durch gerundete Kopfbänder versteiften Ständerreihen teilweise noch offen. Das durch angeblattete, hohe Diagonalstreben versteifte Spitzsäulendachwerk bot auf drei Ebenen Speicherflächen, die Zwischenböden auf den beiden Kehlbalkenlagen sind nicht erhalten.
Das Hinterhaus wird in beiden Geschossen vollständig durch Säle ausgefüllt. Mittig haben sie Holzstützen, die über vier gerundete Kopfbänder mit den Unterzügen und Deckenbalken versteift sind. Eine besondere Zierform stellt in beiden Geschossen der mit vermutlich nur drei oder vier Modeltypen ausgeführte, motivisch auf Blattformen und ornamental eingefasste Rosetten beschränkte Pressstuck an den Deckenbalken dar. Wohl aus dem frühen 17. Jahrhundert stammend, gehört dieser zu den wenigen Beispielen in Warburger Bürgerhäusern. Zum Vorderhaus finden sich in beiden Geschossen Feldertüren in geohrten, am Sturz mit Beschlagwerk verzierten Holzrahmen wohl des 17. Jahrhundert Im halbhoch über Straßenniveau ragenden Bruchsteinkeller ruhen vier Kreuzgratgewölbe auf einer Mittelstütze. Das Kehlbalkendachwerk hat zwei stehende Stuhlreihen. Das große Fachwerkgebäude gehört zu den bedeutenden Vertretern des spätmittelalterlichen Flettdielenhauses in Westfalen. Die bauzeitlich erhaltene Bemalung an den Füllungsbrettern und die Pressstuckdecken im Hinterhaus verweisen auf den hohen gestalterischen Anspruch und Rang dieses stadtbildprägenden, 22 m hohen Gebäudes. Die interpretierende, teilrekonstruierende Wiederherstellungsphase ab 1969 stellt inzwischen zudem eine aussagekräftige Etappe innerhalb der Geschichte der Westfälischen Denkmalpflege dar.
BKW WARBURG 1939, Seite 475-478, 480; KASPAR 1986, Seite 227; NOLTE 1986B, Seite 163f.; BAUDENKMÄLER ohne Jahr, Seite 161; DEHIO 2011, Seite 1122 folgende
Quelle: Stadt Warburg. Hrsg. v. Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Hansestadt Warburg. Petersberg 2015 (Denkmäler in Westfalen, Kreis Höxter, Band 1.1. Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland).