32. Glockengießerhaus

Dielenhaus in Ecklage eines großen Grundstücks an der Straßenabzweigung zur Schwerte, errichtet 1590 (Datierung auf dendrochronologischer Basis) aus Fachwerk östlich vor dem vom  Vorgängerbau übernommenen spätmittelalterlichen Steinwerk (Schwerte 4). Im 17.-19. Jahrhundert im Vorderhaus etappenweise Einbauten in die Diele und schließlich deren zweigeschossiger Durchbau. Nach Hochwasserschäden 1965 Erneuerungsmaßnahmen. 2011 wurde im Gewölbekeller unter dem Vorderhaus ein ab 1750 rund 100 Jahre genutztes jüdisches Ritualbad (Mikwe) entdeckt und freigelegt. Am geschossig abgezimmerten, hohen ehemaligen Dielengeschoss ist das Fachwerk dreifach verriegelt, davon abgesetzt an der Südwestecke der zweistöckig abgezimmerte, an der Traufseite vorkragende Stubenteil. Unter dem Speichergeschoss und am Südgiebel weitere Vorkragungen, deren Füllungshölzer zwischen den Balkenköpfen und die Schwellbalken mit jeweils gegenläufigen Schnürrollen verziert. Markant die ornamentale Ausgestaltung der Brüstungsbohlen am Stubenteil mit beschlagwerkartiger, vegetabiler Flachschnitzerei. Am ehemaligen Dielentor Reste der ornamentierten Rahmung, eingesetzt darin der verkleinerte Zugang mit Biedermeiertür von 1820/30. Die Ladeluken im Speichergeschoss und im Zwerchhaus darüber stammen aus dem
19. Jahrhundert Im Inneren ursprünglich L-förmige Diele um den südwestlichen Stubenteil. Dieser hatte an der Obergeschossvorkragung eine den Außenwänden angepasste Verzierung mit Schnürrollen, vergleiche > Ikenberg 7, > Sackstraße 11 und > Josef-Kohlschein-Straße 1.

Über einem um 1750 eingebauten, tonnengewölbten Keller wurde in der Nordostecke der Diele mit dielenhohen Fachwerkwänden ein wohl als Küche dienender Bereich abgetrennt. Von dem Keller aus führte ein Durchgang in den älteren Gewölbekeller unter dem Steinwerk. An seiner Nordseite wurde die Mikwe mit dem über 13 Stufen erreichbaren Tauchbecken eingerichtet; vermutlich gab es einen etwas größeren Vorgänger des Ritualbads. Wohl aus der Zeit des zweigeschossigen Durchbaus der Diele noch einige Türen des 19. Jahrhunderts erhalten. Im Speichergeschoss ein Längsunterzug über mittlerer Säule; im Kehlbalkendachwerk auf der unteren Ebene drei Stuhlreihen, darüber ein durch eine mittlere Spitzsäule unterstützter Unterzug. Das einräumige, unterkellerte Steinwerk mit zwei vierstufigen Staffelgiebeln wurde vermutlich im späten Mittelalter aus Bruchstein errichtet. Eine Umbauphase lässt sich um 1712 (Datierung auf dendrochronologischer Basis) nachweisen.

Im obersten Geschoss gibt es an beiden Traufseiten schmale Fensteröffnungen mit abgefasten Sandsteingewänden. Die beiden unteren der ursprünglich drei Geschosse wurden im 19. Jahrhundert zu einem hohen Wirtschaftsraum vereinigt, in dem nach Erhöhung des Bodenniveaus um einen Meter mit zwei neu geschaffenen Torbogen eine Durchfahrtsmöglichkeit in den Hof entstand. Im Erdgeschoss sind ein mit Sandsteingewänden gefasster Zugang ins Vorderhaus, ein Kamin und eine als Schränkchen nutzbare Wandnische erhalten. Der stadtbildprägende Eckbau mit markanter Fachwerkdekoration und einem der wenigen in Warburg erhaltenen Steinwerke gehört zu den wichtigen spätmittelalterlichen Bauten und besitzt durch die Mikwe eine besondere Bedeutung für die Geschichte der Juden in Warburg.

BKW WARBURG 1939, Seite 469-472; KASPAR 1986, Seite 228; NOLTE 1986B, Seite 158; NOLTE 1991, Seite 111; BAUDENKMÄLER ohne Jahr, Seite 167, 230; DEHIO 2011, Seite 1123; KASPAR / BARTHOLD 2011A; PEINE / DUBBI 2012.

Quelle: Stadt Warburg. Hrsg. v. Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Hansestadt Warburg. Petersberg 2015 (Denkmäler in Westfalen, Kreis Höxter, Band 1.1.Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland).