35. Ev. Kirche und Gymnasium Marianum (ehem. Klostergebäude der Dominikaner, jetzt Gymasium Marianum, weiter unten)
Die evangelische Pfarrkirche, ehemalige Dominikanerkirche St. Maria in vinea, ist ein schiefergedeckter Bruchsteinbau bestehend aus einem dreijochigen, gotischen Langhaus, dessen Hauptbauphasen im 13. Jahrhundert liegen, und einem fünfjochigen, zwischen 1342 und 1361 fertiggestellten hochgotischen Hochchor mit späteren nördlichem Anbauten. Vermutlich gab es hier zunächst eine Kapelle, die in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts auf Veranlassung von Graf Dodiko für die sich ausgehend von der Burg entwickelnde Siedlung auf dem zu dieser Zeit möglicherweise als Weinberg genutzten Hang errichtet wurde. Wohl im Zusammenhang mit dem Ausbau der Altstadt in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts entstand ein erster Kirchenbau, von dessen vermuteten Fundamentmauern 1964-66 Reste aufgedeckt wurden. Die wenigen Befunde erlauben keine eindeutige Aussage über Form und Anzahl der Schiffe dieser ersten Kirche. Wohl zwischen 1230 und 1280 erfolgte die Ausformung als zweischiffige, gewölbte Kirche. Der Paderborner Bischof Otto von Rietberg gründete 1281 ein Dominikanerkloster und hat diesem die Kirche zunächst 1283 und nach Streitigkeiten mit der Altstädter Gemeinde 1287 endgültig übergeben. Der Errichtung des Chors um die Mitte des 14. Jahrhunderts schloss sich einige Jahrzehnte später nördlich die ehemalige Sakristei und westlich daneben Mitte des 15. Jahrhunderts eine zum Chor und nördlichen Seitenschiff geöffnete Kapelle an. Etwa zeitgleich damit begann südlich am Hauptschiff der Anbau von
Kapellen; die nördliche Kapellenreihe und die Vorhalle stammen von 1520. Mitte des 17. Jahrhunderts hat man diese Kapellen zu schmalen Seitenschiffen verbunden, woraus die ungewöhnliche Vierschiffigkeit resultierte.
Im Zuge der Klosteraufhebung wurde die Kirche 1824 an die evangelische Gemeinde übergeben. 1890-95 erfolgte unter Leitung des Kölner Diözesanbaumeisters Heinrich Wiethase eine Gesamtinstandsetzung, bei der unter anderem der neugotische Dachreiter entstand. Weitere Sanierungen und Erneuerungen fanden 1964- 66, 1987/88 und 1998/99 statt. Die äußere Gesamtform ist durch die Kombination des im Grundriss fast quadratischen Langhauses mit dem etwas längeren und deutlich höheren Chor bestimmt. Am Langhaus lässt sich der ältere Kernbau an der Westfassade durch die Eckquaderungen und den Rest eines Spitzbogens erkennen; weitere Kennzeichen der mehr phasigen Entstehung sind unter anderem an der Südseite im Ostteil ein schräg gestellter, ehemaliger 1457 bezeichneter Strebepfeiler, ins Mauerwerk eingebundene ehemalige Mauerkanten an der Nordseite sowie die unterschiedlichen Proportionierungen und Detailformen der Maßwerkfenster. Mit Ausnahme des südlichen Westfensters haben diese drei spitzbogige Bahnen mit einfachen Nasungen; eine markante Ausnahme bildet das nordöstliche Fenster, bei dem über Lanzettbahnen eine Kreisform in den spitzbogigen Abschluss eingepasst ist. Teile der Maßwerke wurden an der West- und Südseite 1998 erneuert. Die mit gestuften Eckstrebepfeilern versehene Eingangsvorhalle hatte ursprünglich an drei Seiten Zugänge, erhalten blieb das breitere Hauptportal mit überkreuzten Bändern in der spitzbogigen Portalrahmung, in der baldachinbekrönten Figurennische steht eine Marienfigur (Kopie). Der gerade geschlossene Chor weist unterschiedliche Tiefen der durch Strebepfeiler unterteilten Joche auf: Einem deutlich längerem Westjoch folgen zwei schmale Mitteljoche und zwei etwas größere Ostjoche. Die hohen, dreibahnigen Fenster verfügen über deutlich reicheres Maßwerk mit Vierpässen und Vierblättermotiven. Ein fünfbahniges Fenster an der Chorstirnseite wurde spätestens um 1665 vermauert.
Die Anbauten an der Chornordseite lassen sich außen durch unterschiedliche Fensterformen erkennen: In der Abfolge von West nach Ost sind dies ein dreibahniges Maßwerkfenster an der Kapelle, drei vergitterte Spitzbogenfenster an der ehemaligen Sakristei und vergitterte rechteckige Steinpfostenfenster in zwei Geschossebenen an Nebenräumen. An den Außenwänden finden sich Wappengrabsteine aus Rotsandstein: wohl für einen Offizier († 1625), für Heinrich Leopold von Grewenstein († 1741) und für Heinrich Theodor von Hiddessen († 1756). Das Langhaus bietet auch im Inneren einen aufgrund der mehr phasigen Bauabfolge gestalterisch und stilistisch heterogenen Raumeindruck. Den als zweischiffige Halle mit breiterem Südschiff geformten Kernbau flankieren hinter ungleichmäßig geformten Öffnungen schmale, niedrige Seitenschiffe. Im Kernbau haben die beiden westlichen Joche kuppelige Gratgewölbe mit Scheitelkehlen zwischen spitzbogigen, gekehlten Gurt- und getreppten Scheidbögen. Vor der Westwand lagert der mittlere Scheidbogen auf einer großen Konsole mit Kopfdarstellung und stilisierten Blüten. Die östlich anschließenden, etwas jüngeren Joche besitzen Kreuzrippengewölbe. Die Gurt- und Scheidbögen sind mit Rippen gerahmt, die wie diejenigen der Gewölbe auf Diensten ansetzen, die sich um halbe und geviertelte Rundstützen anordnen. Die Kapitellbänder zeigen einen Laubfries ähnlich dem der Altstädter Kirche (> Josef-Kohlschein-Straße 8). Die Kreuzgratgewölbe der äußeren Seitenschiffe sind möglicherweise erst mit den verbindenden spitzbogigen Mauerdurchbrüchen entstanden. Im kreuzrippengewölbten Chorraum zeigt der östliche Gewölbeschlussstein das Relief der Marienkrönung, die anderen vegetabile Ornamente. Eine Besonderheit stellen die aus akustischen Gründen im Gewölbe eingemauerten 20 irdenen Schallgefäße dar. Die Gewölberippen entwachsen mit zierlichen Blattkapitellen Runddiensten, die zum Boden, aber auch zu Konsolen oberhalb flacher Gestühlsnischen durchlaufen. In den Kehlen über diesen Nischen gibt es Inschriftbänder mit Städtenamen. In der nordwestlich zum Chor geöffneten Kapelle befindet sich ein Kreuzrippengewölbe mit Lamm-Christi-Schlussstein. In der dreijochigen ehemaligen Sakristei (heute Kapelle) lagert über unterschiedlich geformten Konsolen ein Kreuzgewölbe mit birnstabförmigen Rippen und teils figuralen Schlusssteinen. Östlich davon erstrecken sich in zwei Geschossen Räume mit ehemaliger Verbindungstür zum Kloster.
Der Erdgeschossraum (heutige Sakristei) hat eine Stuckbalkendecke wohl aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts, der Raum darüber wurde nachträglich unterteilt. Vom westlichen Raum führt eine Treppe unters Dach; der östliche ist vom Kreuzgangobergeschoss aus zugänglich. An mehreren Stellen im Kirchenraum finden sich 1964-66 aufgedeckte und z. T. nach Befund erneuerte Reste von Ausmalungen aus verschiedenen Epochen: in den vier westlichen Gewölbefeldern der mittleren Schiffe ornamentale architekturbegleitende Malerei mit Fabelwesen, wohl spätes 13. Jahrhundert; im Gewölbefeld westlich des Chors erscheint dieses Repertoire in etwas erweiterter Fassung mit farbig um den Scheitel abgesetztem Ring und Medaillons, wohl frühes 14. Jahrhundert; an der Chornordwand Maßwerkfenster (erneuert), am Chorgewölbe farbige Schlusssteineinfassung und wieder zugedeckte Rosetten um die Schallgefäßöffnungen, 14. Jahrhundert; aus dieser Zeit weitere Reste im nordöstlichen Mitteljoch; Reste eines Bischofsheiligen (Nikolaus?) am südwestlichen Langhauspfeiler und eines Christophorus an der Westwand, 4. Viertel 15. Jahrhundert; in mehreren Jochen Reste von Blattranken und Früchten einer wohl umfassenderen ornamentalen Ausmalung sowie zwei Wappen an der Westwand, 16. Jahrhundert; im südöstlichen Seitenschiffjoch Beschlagwerkornamentik, um 1600, sowie Reste einer Barockausmalung, bezeichnet 1660; zeitgleich dazu auch an der Chorostwand. Der mächtige, reich gestaltete Hochaltar wurde laut Inschrift an der Wappenkartusche 1665 durch den Paderborner Bischof Ferdinand von Fürstenberg gestiftet, seine Weihe erfolgte 1671.
Der 12,5 m hohe, 7,5 m breite Barockaufbau hat im Hauptgeschoss gestaffelte korinthische Doppelsäulen mit verkröpftem Gebälk, die das Hauptbild mit der Aufnahme Mariens in den Himmel umrahmen. Seitlich stehen die überlebensgroßen Figuren der Heilige Liborius und Meinolphus. Darüber im Auszug auf zwei Ebenen verteilt und jeweils durch Sprenggiebel flankiert die Dreifaltigkeit, wiedergegeben durch das Tondo mit Gottvater und Heiliggeisttaube und durch die Figur von Christus als Salvator darüber. Die ausführenden Schreiner und Bildhauer sind nicht bekannt, die Bilder stammen vermutlich von Carl Ferdinand Fabritius aus Paderborn. 1982/83 wurden die Bilder restauriert, die Inschrift erneuert und die ursprüngliche Farbigkeit des Aufbaus wiederhergestellt.
Im 1. Viertel des 15. Jahrhunderts fügte man in der Chornordwand eine mit Zinnenkranz, spätgotischer Architekturgliederung und Christuskopf bekrönte Sakramentsnische aus Sandstein ein. Das beidseitig aufgestellte barocke Chorgestühl entstand unter Verwendung spätgotischer Sitze, das nördliche Gestühl ist datiert 1768. Als einziges historisches Ausstattungsstück aus evangelischer Zeit verblieb der 1863 datierte neugotische Taufstein im südlichen Seitenschiff; die übrige Ausstattung samt neuer Taufschale stammt aus den 1980er Jahren. Beim Einbau einer neuen Orgel wurde 1999 vor der Westwand eine neue Empore geschaffen und im Kirchenraum eine neue Bestuhlung eingerichtet. In einer Nische der Ostwand des südlichen Seitenschiffs steht das Mitte des 15. Jahrhunderts aus Kalkstein gearbeitete Original der ursprünglich über dem Eingang angebrachten Marienfigur; über die mittleren Joche verteilt finden sich die um 1510 aus Lindenholz gearbeiteten Figuren eines Apostelzyklus. Deren wohl nachträgliche Fassung wurde 1958 entfernt, die Figuren 1968-71 restauriert. An der Westwand sind die Grabplatten für einen in Rüstung dargestellten Verstorbenen (möglicherweise der 1508 verstorbene Rabe von Canstein?) und von 1733 für Anna Maria Catharina Holleman aufgestellt; in der nördlichen Seitenschiffwand ist die mit zwei Wappen und einer Inschrifttafel aus Bronze versehene Steinplatte für die 1520 verstorbene Mechthildis Russ (Reussen) eingelassen; in der Vorhalle ein laut Bezeichnung 1894 wiedergefundener Grabstein für Conrad Gerolt († 1800). Über dem Chor könnte sich das bauzeitliche Kehlbalkendachwerk mit Sparrenknechten und überkreuzten Schwertungen im Ostteil erhalten haben, darin eingestellt die jüngere Stützkonstruktion des Dachreiters. Über dem Langhaus wurde vermutlich kurz nach 1660 im Zusammenhang mit der Umgestaltung der Kapellen zu Seitenschiffen eine alle vier Schiffe vereinende barocke Dachwerks konstruktion mit liegenden Stuhlreihen in zwei Ebenen aufgesetzt.
Die evangelische Kirche gehört zusammen mit dem benachbarten ehemaligen Dominikanerkloster an der Hangkante über der Altstadt zu den stadtbildprägenden Bauten. Aufgrund ihrer wechselvollen Nutzungsgeschichte spiegelt sie eindrucksvoll stadthistorische Ereignisse wider. Beim Langhaus ergab sich durch nachträgliche Veränderungen ein ungewöhnlicher, vierschiffiger Aufbau. Im Inneren hat sich trotz der Umnutzung zur evangelischen Kirche nicht zuletzt der größte barocke Altaraufbau Warburgs erhalten, der zudem eine spezifisch katholische Ikonografie besitzt.
HAGEMANN 1904, Seite 95-97; BKW WARBURG 1939, Seite 430-440; FESTSCHRIFT 1963; DOMS 1972; FREUND 1986A, Seite 97-100, 118-123; PIEPER 1993, Seite 179-194; RUNNE 1993; BAUDENKMÄLER ohne Jahr, Seite 127; ARCHÄOLOGISCHE BESTANDSERHEBUNG 1998, Seite 49-61, 156-158; DEHIO 2011, Seite 1112f.; DUBBI 2012, Seite 30f.; HEUTER 2012, Seite 99 folgende
Quelle: Stadt Warburg. Hrsg. v. Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Hansestadt Warburg. Petersberg 2015 (Denkmäler in Westfalen, Kreis Höxter, Band 1.1. Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland).
35. ehem. Klostergebäude der Dominikaner, jetzt Gymasium Marianum
Der Baukomplex des Gymnasiums Marianum entstand ab dem späten 13. Jahrhundert in mehreren Bau- und Umbauphasen als Dominikanerkloster hinter der zugehörigen Kirche. Aus Bruchstein errichtet umfasst er den Kreuzgang mit ehemaligem Prioratsbau an der Südseite (sogenannter Westflügel), den quer gerichteten ehemaligen Konventsbau (sogenannter Mittelbau) und den daran anschließenden Ostflügel. 1281 waren die Dominikaner durch den Paderborner Bischof Otto von Rietberg nach Warburg gerufen worden, wozu er ihnen erstmalig 1283 und endgültig 1287 die ursprüngliche Altstädter Pfarrkirche zuwies. Die Ersterwähnungen von bestimmten Klosterbereichen gibt es 1333 für ein Refektorium, 1338 für den Kreuzgang und 1361 für ein Dormitorium. Da die Dominikaner als Bettelorden auf finanzielle Unterstützung angewiesen waren, dürfte sich die Baumaßnahme in der Ersterbauung über längere Zeit hingezogen haben, so zeigen sich bereits am Kreuzgang mehrere spätgotische Bau- beziehungsweise Umbauphasen. Auch im Mittelbau lässt sich noch mittelalterlicher Baubestand feststellen. 1628 richten die Dominikaner im Kloster eine höhere Schule ein, für deren gesicherte Existenz 1643 ein Vertrag mit der Stadt geschlossen wurde.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg gab es ab 1656 über mehr als ein Jahrhundert Baumaßnahmen, unter anderem die laut Bezeichnung 1669 vollendeten Arbeiten an den Stützmauern (> Brüderkirchhof), 1677 die Aufstockung des Kreuzgangwestflügels, 1705 die Schule über der Tordurchfahrt, 1736-38 (bez.) der Ostflügel, 1749-56 der Prioratsflügel südlich des Kreuzgangs sowie 1770 die Erhöhung des Mittelbaus. 1810 wurde das Kloster durch die westfälische Regierung aufgehoben und 1824 endgültig aufgelöst; zusätzlich zur Schule dienten die Gebäude nachfolgend unter anderem dem Amtsgericht, der evangelischen Gemeinde und der Stadtverwaltung. Seit den durchgreifenden Umbauten von 1954-63 befindet sich in dem zwischenzeitlich in Besitz der Stadt übergegangenen Bau allein das Gymnasium Marianum, wofür 1989/90 nördlich und östlich Anbauten erfolgten. Mit den Umbauten des Barock und der Nachkriegszeit erhielt der Gesamtkomplex durch die regelmäßigen Fensterachsen und die gleiche Traufhöhe an der Südseite eine einheitliche Gestaltung, in der der Südgiebel des Mittelbaus einen besonderen Akzent setzt. Aufgrund der steilen Hanglage gibt es mit dem Erdgeschoss auf Kreuzganghöhe und dem Obergeschoss nur zwei die gesamte Grundrissfläche ausfüllende Ebenen; das Unter- und das Kellergeschoss erstrecken sich über den kompletten Ostflügel sowie die südlichen Bereiche von Mittelbau und Westflügel.
Der direkt an die Ostwand der Kirche anschließende Kreuzgang ist über ein Portal neben deren Chor erschlossen. An allen Kreuzgangflügeln gibt es zum 13 x 20 m großen Binnenhof spitzbogige Öffnungen, deren unterschiedliche Ausformung eine ab etwa 1340 mehrere Jahrzehnte dauernde Entstehung beziehungsweise Erneuerung vermuten lassen, wobei der Westflügel wohl der älteste, der Nordflügel der jüngste sein dürfte. In den 1950er Jahren wurden die in Rotsandstein gearbeiteten Bogengewände z. T. erneuert und in die Öffnungen Bleirutenverglasung eingesetzt. Die Obergeschosse sind gemauert mit Ausnahme des Nordflügels, der hofseitig historisierendes und nach außen bauzeitliches Fachwerk besitzt. Einige an die Hofmauern gesetzte, teilweise nur mehr fragmentarisch erhaltene Grabsteine des 18. Jahrhunderts aus rötlichem Sandstein stammen vermutlich von Begräbnissen auf der Hoffläche. An den südlichen Kreuzgangsflügel schließt direkt der Prioratsbau an, für den aufgrund des steil abfallenden Hanges eine hohe Aufmauerung notwendig wurde. Seine Südseite prägt eine Reihung gleichförmiger Fensterachsen; die Westseite wird durch Eckquader, Gurtgesimse und die Figurennische mit dem Heiligen Dominikus betont; die Datierung 1751 seitlich der Figur verweist auf die Fertigstellung der Außenwände. Der Mittelbau diente dem Konvent mit Räumen wie dem Speisesaal (Refektorium) und Schlafsaal (Dormitorium) als Hauptbau. Die beiden Konsolen mit ihren markanten drachenartigen Fabelwesen im südseitigen Sockelbereich und nördlich an der Ostseite sowie die beiden kleineren Fabeltiere an den wohl wiederverwendeten südlichen Giebelansätzen verweisen zusammen mit der Art der Fensterkehlungen und weiterer Details auf eine Entstehung des Mittelbaus im 14. Jahrhundert.
Die äußere Erscheinung des Baukörpers insgesamt geht jedoch auf das späte 18. Jahrhundert zurück und die des Satteldachs auf die 1950er Jahre. Damals entstand im Nordgiebel ein neu geschaffener Eingang über eine Brücke von der Neustadt her. Im untersten Geschoss führt eine rundbogige Durchfahrt zum ehemaligen Wirtschaftshof und Klostergarten. Zum Hof hin ist eine Gedenktafel von 1924 aus hellem Sandstein zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Schüler eingelassen. Der lang gestreckte Ostflügel, der sich nördlich an den Mittelbau anschließt, entstand über barocken Kellergewölben als weitgehender Neubau der Nachkriegszeit, der sich an den Grundmauern und der Gestaltung des barocken Ursprungsbaus orientiert, wobei ein schmäleres Stück neben dem Mittelbau auf Gebäudebreite vergrößert wurde. Beim Umbau setzte man die aus Mauerankern geformte Datierung 1738 soweit nach Osten, dass sie sich nun an der modernen Erweiterung befindet. Das Innere wurde bei den Baumaßnahmen der Nachkriegsjahre im größeren Umfang entkernt und umgebaut, um die Räumlichkeiten funktional der Nutzung als Schule anzupassen. Im Kreuzgang hat man anstelle einer nachträglichen barocken Stuckbalkendecke eine Flachdecke eingebaut und 1954 im Südflügel Reste einer Wandmalerei aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts mit Szenen aus dem Leben Christi beginnend mit der Verkündigung Mariens bis zur Geißelung freigelegt. Die weiteren Passionsszenen befanden sich an der Westwand. Als markante Neuschöpfungen mit zahlreichen Ausstattungsdetails wie Leuchten oder Geländern finden sich südöstlich des Kreuzgangs und mit vorgelagerter Halle im Übergangsbereich zwischen Mittelbau und Ostflügel Treppenhäuser mit leicht geschwungenen Läufen. Zur Eingangshalle im Mittelbau führt das in eine große parabelförmige Fensteröffnung integrierte Portal. Diese Parabelform setzt sich in der Dachebene durch den gesamten Mittelbau als Tonnenwölbung für die Eingangshalle und die südlich daran anschließende Aula fort. Der Parkettbereich dieses Festund Veranstaltungsraums liegt ein Geschoss tiefer, weshalb die hier mit Fußpunkt auf Bodenniveau ansetzende, zwischen Betonstrebepfeilern mit Rabitztechnik konstruierte Tonne eine beachtliche Höhe erreicht und zusammen mit dem über der Bühne eingesetzten dreibahnigen Maßwerkfenster dem Raum sein markantes Gepräge verleiht.
Die laut Bezeichnung 1957 nach Entwurf von Rudolf Krüger aus Warburg durch die Paderborner Werkstatt O. Peters gefertigte Farbverglasung mit Darstellung von Maria Sapientia und den Artes liberales ist wie die übrige Ausstattung, unter anderem Gestühl, Empore, Lampenfassungen und Heizungsblenden, erhalten. Der über der Hangkante stadtbildprägende, hoch aufragende Baukomplex hat als ehemaliges Dominikanerkloster frömmigkeitsgeschichtliche Bedeutung und erhielt durch die Einrichtung der Schule ab dem 17. Jahrhundert eine entscheidende Stellung im geistigen und kulturellen Leben der Stadt. Die Umbauten der Nachkriegszeit bilden besonders durch die Innenraumgestaltung den bauhistorisch bedeutendsten Bestand dieser Epoche in Warburg.
HAGEMANN 1904, Seite 87-95; BKW WARBURG 1939, Seite 441-445; FESTSCHRIFT 1963; LOHRUM 1981; FREUND 1986A, Seite 113-115; LOHRUM 1986; NOLTE 1986B, Seite 152-154; WITTENBRINK 1986; RUNNE 1993; BAUDENKMÄLER ohne Jahr, Seite 129; ARCHÄOLOGISCHE BESTANDSERHEBUNG 1998, Seite 49-61; DEHIO 2011, Seite 1113 folgende
Quelle: Stadt Warburg. Hrsg. v. Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Hansestadt Warburg. Petersberg 2015 (Denkmäler in Westfalen, Kreis Höxter, Band 1.1. Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland)