9. Ehemalige Hirsch-Apotheke

Großer Stein- und Fachwerkbau mit Krüppelwalmdächern, bestehend aus zweigeschossigem Vorderhaus, um 1454/55 (Datierung auf dendrochronologischer Basis) mit Kernbau wohl des späten 14. Jahrhunderts, umgebaut 1705/06 und um 1843, und dreigeschossigem Hinterhaus, 1452/53 (Datierung auf dendrochronologischer Basis); östlich Gartenmauer mit Portal, datiert 1706 und 1843. Das große Anwesen war bis ins 17. Jahrhundert Sitz der Familie Geyer (Geyr). Diese gehörten ab dem 14. Jahrhundert zu den führenden Familien in Warburg. 1613 erstmalige Nennung einer Apotheke im Gebäude, die jeweiligen Apotheker waren jedoch erst ab dem 18. Jahrhundert zugleich Eigentümer.

2012 wurde die Hirsch-Apotheke am angestammten Ort geschlossen. Als ältester Teil wird im Vorderhaus ein Bruchsteinbau vermutet, der einer nicht mehr nachweisbaren Überlieferung zufolge 1396 entstanden sein soll. Im Zuge einer umfassenden spätmittelalterlichen Bauphase entstand zunächst das Hinterhaus aus Fachwerk 1452/53 über einem massiven, leicht über Bodenniveau ragenden Gewölbekeller neu. 1454/55 erfolgte zwischen den gemauerten Giebelwänden die Fachwerkaufstockung des Vorderhauses. Das Dachwerk dieses Teils wurde einige Jahre nach 1511 (Datierung auf dendrochronologischer Basis) auf der ersten Dachgeschossebene durch zwei stehende Stuhlreihen verstärkt, was auf hohe Speicherlasten – vermutlich für Getreide – im Dachraum schließen lässt. Veränderungen besonders im VorderhausErdgeschoss erfolgten 1705/06, um 1843 wurde das Obergeschoss ausgebaut und dabei die Giebelseite zur Kalandstraße klassizistisch erneuert. Die 1912 am Vorderhaus verputzten Fachwerkwände legte man 1988 wieder frei. 2010/11 Ausbau der Dachgeschosse. Am Vorderhaus dominieren die verputzten Steinwände. Die mit profilierten Fenstergewänden, einem rundbogigen Dreifachfenster und vier Relieftondi mit Putten sowie der vergoldeten Hirschfigur über dem Eingang klassizistisch umgestaltete Giebelseite gibt dem spätmittelalterlichen Gebäude ein charakteristisches Gepräge. Unklar ist, inwieweit der damals aufgemauerte Staffelgiebel mit den zinnenbekrönten Aufsätzen sich am Vorgänger orientierte. Die seitlichen Kragsteine dürften noch spätmittelalterlich sein. An der Westseite über der Eingangstür ein Familienwappen, datiert 1705.

Trotz zeitnaher Entstehung zeigen die Fachwerke beider Hausteile auffällige konstruktive und gestalterische Unterschiede. Am Vorderhaus reihen sich gleichmäßig Ständer mit paarigen Fußstreben, die oben verblattet und unten mit den kräftigen Schwellbalken verzapft sind. Die Gefache sind mit Bruchsteinen ausgemauert; die Knaggen unter der Westtraufe wurden 1988 nach Vorbild des Hinterhauses rekonstruiert. Das etwa zwei Jahre ältere Fachwerk am Hinterhaus kragt zwischen den Stockwerken und am Giebel über  gekehlten Knaggen relativ weit vor. An der West- und der Südseite sind die beiden unteren Geschosse ohne Vorkragung mit durch beide Geschosse reichenden Ständern und langen Streben, die zum Teil durch spätere Fenstereinbauten verkürzt wurden, konstruiert. Die Gefache bestehen aus hochkant gesetzten quadratischen Backsteinen. Der obere Teil erhielt im späten 19. Jahrhundert eine Verbretterung, spätestens aus dieser Zeit stammt die Abwalmung. Um 1934 entstand vor der Ostseite ein nach Süden vergrößerter Neubau anstelle eines 1831 bereits vorhandenen Anbaus. Die nachträglichen Umbauten im Inneren erlauben keine genaue Rekonstruktion der ursprünglichen Raumdisposition. Vermutlich hatte der Kernbau des 14. Jahrhunderts eine große Diele. Im heutigen Bestand gibt es im Vorderhaus eine von der Traufseite erschlossene kleinere Diele, von der eine jüngere Treppe in das erst im 19. Jahrhundert für Wohnzwecke ausgebaute Obergeschoss und ein gewölbter Treppenabgang in den geräumigen tonnengewölbten Keller unter dem Hinterhaus hinabführt. In diesem Hausteil dürften sich in den beiden unteren Geschossen wohl von Anfang an Wohnräume befunden haben.

Das darüberliegende zweite Obergeschoss und die Dachgeschosse beider Hausteile dienten ebenso wie das Obergeschoss des Vorderhauses ursprünglich als Lagerfläche. Möglicherweise war der Bedarf nach größeren Speicherflächen für die Familie Geyer, die ab dem mittleren 14. Jahrhundert größere Ländereien um Warburg erwerben konnte, ein wichtiger Grund für Baumaßnahmen des 15. Jahrhunderts. In der Giebelwand gibt es zwischen den Hausteilen in zwei Ebenen Durchgänge mit wohl noch spätmittelalterlichen Türblättern; die untere Öffnung hat einen spitzbogigen, die obere einen rundbogigen Abschluss. Einer der Kaminzüge in der Giebelwand könnte der Herdstelle im Erdgeschoss des Vorderhauses gedient haben. Als eindrucksvoller Rest einer ursprünglich beidseitig vom Gebäude vorhandenen Freifläche erstreckt sich östlich der von einer Bruchsteinmauer eingefasste Garten. Ein in Zweitverwendung über der Gartentür eingesetzter Türsturz verweist mit den Jahresangaben 1706 (formal identisch mit dem an der Hauswestseite) und 1843 vermutlich auf die Umbauphasen am Hauptgebäude. Das im Kern als Steinbau entstandene Gebäude ist als Sitz einer in Warburg über Jahrhunderte zur Oberschicht gehörigen Familie nicht allein für die örtliche Überlieferung wichtig, sondern als
einer der ältesten datierbaren Fachwerkbauten in Westfalen auch überregional für die Hausforschung von besonderer Bedeutung.

BSW – BKW WARBURG 1939, Seite 469; KASPAR 1986, Seite 232; NOLTE 1986B, Seite 161f.; NOLTE 1991, Seite 109f.; BAUDENKMÄLER ohne Jahr, Seite 220; KASPAR / BARTHOLD 2010; DEHIO 2011, Seite
1124.

Quelle: Stadt Warburg. Hrsg. v. Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Hansestadt
Warburg. Petersberg 2015 (Denkmäler in Westfalen, Kreis Höxter, Band 1.1.
Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland).